Ein Manuskript ist nichts, ohne Testleser! Das Vier-Augen-Prinzip

Warum es so wichtig ist, möglichst viele Testleser fürs eigene Buch zu gewinnen..

Von Adleraugen und Maulwürfen

Ein Buch schreiben, das klingt toll. Man stellt sich Autoren als Menschen vor, die viel Zeit haben. Die einfach drauflos tippen, nebenbei einen Kaffee trinken und zur Inspiration lange Spaziergänge unternehmen…
Wie ich schon im letzten Artikel beschrieben habe, sieht es für mich so aus: Ich versuche, meine spärliche Freiheit irgendwie am Stück zu haben, damit ich in die konzentrierte, arbeitsame Phase hineinkomme. Einen Kaffee trinke ich zum Einstieg tatsächlich. Für mich ist der Schreibprozess vor Allem eines: EINSAM! Man sitzt vor dem Computer und hadert mit sich und seinen Gedanken. Es fällt einem das richtige Wort nicht ein. Dann entdeckt man, dass man ein anderes Wort in einem Absatz 3mal verwendet hat. Man sitzt einsam und alleine da und erschafft etwas. Und man bekommt kein Feedback. Selbstzweifel, Freude, Korrektur.. und manchmal fällt einem schlichtweg auch nichts Gutes ein. Klar ist: Man kann ein Buch nicht alleine erstellen und dann nach Abschluss des Arbeitsprozesses an einen Verlag geben.

Wer ist der ideale Testleser?

Logisch ist sicherlich für die meisten aufstrebenden und auch bereits erfolgreichen Schriftsteller, dass man Lektoren, Testleser, Berater usw. braucht. Ich finde das sehr logisch. Aber diese Testleser muss man erst einmal bekommen. Es muss ein guter Freund sein, denn man muss der Person vertrauen. Es darf aber keiner der Freunde sein, die alles toll finden. Ein guter Freund möchte sicherlich die Gefühle schonen und keinen Streit heraufbeschwören, und wird sicherlich mit großer Chance zu nett Kritik üben. Eine nette Kritik bringt für mich bei so einem Projekt garnix!
Dann muss es auch noch eine Person sein, der man vertrauen kann. Möglichst eine Person, die viel liest. Viel in dem Genre liest, in dem man sein Werk auch ansiedelt. Eine Person die das Manuskript nicht im eigenen Namen an einen Verlag schickt oder sonstige Dinge tut, die man mit seinem Werk nicht erleben möchte.

Das Prinzip ist natürlich nicht nur beim Schreiben eines Buches hilfreich. In vielen anderen Bereichen gibt es das „Mehr-Augen-Prinzip“ oder das „4-Augen-Prinzip“, ganz einfach weil 4 Augen mehr sehen als 2. Und 6 augen sehen mehr als 4.. und so weiter.

Meine Testleser hatte ich schnell gewählt, einer davon wählte mich. Zunächst gab ich meinen Anfang, also die ersten paar Kapitel, einem sehr guten Freund zu lesen. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er Germanistik studiert hatte. Außerdem kennt er sich in der Basketball-Welt hervorragend aus, und dort spielt meine Geschichte. Und das allerwichtigste: Er würde nichts beschönigen und mir eine ehrliche Kritik geben, die hilfreich ist. Ich ließ ihn also lesen, beobachtete dabei seine Reaktionen und fragte ihn, als er fertig war: Weitermachen oder direkt in die Tonne? Die Antwort: Weitermachen! Ich will wissen, wie es weitergeht.
Das war doch schon mal was! Trotzdem hatte er noch ein paar Verbesserungsvorschläge, von denen ich ca. 70% auch dankend annahm.
Als zweiter Testleser bewarb sich eine gute Freundin, die von meinem Projekt ganz begeistert war und unglaublich gern loslesen wollte. Diese erriet unglücklicherweise direkt, wer der Mörder sein wird. Da wusste ich schon einmal, dass ich a) eine erfahrene Leserin vor mir habe und b) ich den Mörder noch ein wenig besser tarnen bzw. von ihm ablenken musste.. Ein paar Stunden auf der Picknick –Decke mit dieser Freundin am Deich, und ich war hoch motiviert. Unser Gespräch war unglaublich angeregt, voller Ideen und ich ging nach Hause und setzte mich sofort an den PC und tippte euphorisch drauf los. Leider hat sie im Moment keine Zeit auf Grund privater Turbolenzen. Mist!
Meine dritte Testleserin war eigentlich mein erster Wunsch, aber seit Beginn meines Schreibens befand sie sich entweder im Auslandssemester, in der Prüfungsphase oder zum Arbeiten im Ausland. Sie liest sehr gern, ihre Genres sind weit gefächert. Sie ist gleichzeitig meine beste Freundin und ich weiß, dass sie den Job gewissenhaft machen wird. Wenn sie mal Zeit hat…
Natürlich bieten sich auch vertrauenswürdige Leute mit Vitamin B oder sehr viel Ahnung im Buch-Business an oder mögliche Investoren.. solche kenne ich nicht wirklich. Die müssen aber auch erstmal Zeit haben. Wenn ihr welche kennt, dann ran an den Speck. Denn die können mit ihrem Vitamin B bei Gefallen vielleicht direkt was für das Buch tun..

Welche Fehler können so abgestellt werden?

Als die letztgenannte Testleserin endlich mal mein Buch zur Hälfte gelesen hatte, ging es los. Sie hatte alles korrigiert und wir saßen zusammen vor dem PC. Wir gingen Kapitel für Kapitel alles haarklein durch. So etwas ist notwendig und hilfreich, aber man braucht dafür einen gewissenhaften Testleser mit viel Zeit und Geduld. Man muss mit einem Testleser nicht immer einer Meinung sein, aber beide Parteien müssen damit leben wenn ihre Vorschläge keinen Anklang finden.
Sie fand Fehler, die sehr subtil waren. Man scheint tatsächlich betriebsblind zu werden. In Kapiteln, die ich schon unzählige Male verbessert hatte, fand sie die einfachsten Fehler. Da heißt eine Person im Buch Mike, 2mal allerdings tatsächlich Mark. Fiel mir nicht auf..
So einfache logische Fehler, die auf Grund der bei mir oft auftretenden Störungen passiert sein müssen, passieren auch gern: Beispielsweis schreibe ich am Anfang der Szene, dass eine Person im Hintergrund die Szene verlässt. Dann mitten im Gespräch macht sie auf einmal einen Kommentar und verlässt die Szene dann direkt noch einmal, ohne je wiedergekommen zu sein. Davon hätte ich noch viele andere Beispiele, aber ich denke das Problem ist klar.
Andere Fehler waren ganz klar Rechtschreibfehler (wenige, weil das wird ja automatisch korrigiert in Word), Grammatikfehler (ebenso) und Kommafehler.

Bei den Dialogen hatte sie manchmal an der Seite angemerkt „Würde der das wirklich so sagen, in echt?“ oder ähnlich Kommentare. Ein guter Einwand. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass ich beim Schreiben einer Szene in einem Park in einer sehr sensiblen Laune gewesen sein muss. Wenn ein über 2m großer Basketballer direkt einfach mal aufs romantischte sein Herz ausschüttet, dann weiß man eigentlich, dass etwas faul ist. Das würde im realen Leben nur selten passieren. Auf der anderen Seite habe ich manchmal auch ganz leger rüberkommenden Personen sehr korrekte Ausdrucksweisen in den Mund gelegt. Genau das Gegenteil war auch der Fall. Respektspersonen sollten sicherlich nicht in jugendlichem Slang reden. Hier haben wir die Dialoge übrigens immer laut vorgelesen, und das hat ungemein geholfen. Wenn man weiß wie es klingen soll, dann merkt man beim Lesen direkt, was geändert werden muss.

Ein anderer Streitpunkt war die Länge der Sätze. Meine beste Freundin liiieeeebbbbbt lange, verschachtelte Sätze. Ich hatte jüngst ihre Bachelor-Arbeit korrigiert und das Wort „KÜRZEN!“ war meine meistgeschriebene Anmerkung. Meine Sätze sind nun eher kurz, weshalb sie dann gern Forderungen zum Thema „Sätze verbinden“ anbrachte. Diese Kritik konnte ich nur in den seltensten Fällen annehmen. Denn ich hasse es, zu lange Sätze zu lesen. Es strengt mich an. Wenn ich am Ende des Satzes nicht mehr weiß, wie ich angefangen habe, dann ist das nichts für mich. James Joyce zum Beispiel, da hab ichs mal auf Seite 2 geschafft, und mehr wird es im Leben nicht werden..

Kritikfähigkeit

Ist wie schon gesagt für beide Seiten, also den Autor und den Testleser, von höchster Wichtigkeit. Wenn der Autor beleidigt ist, dass sein Werk kritisiert wird, dann bringt es alles nichts. Ähnlich verhält es sich, wenn der Testleser beleidigt ist das seine Anmerkungen nicht zu 100% angenommen werden. Ich finde ich habe hier gute Testleser gewählt, leider haben die wenig Zeit. Deshalb sauge ich von ihnen dankbar alles auf, was ich kriegen kann.
Ein Buch schreiben heißt: der Autor bietet dem Leser eine Vorlage, um sich eine andere Welt vorzustellen. Jeder Leser macht aus der Vorlage in seinem Kopf etwas anderes. Jeder Leser wird eine eigene Meinung haben, aber die einfachen Fehler kann man ja vorher schon ausbügeln. Dafür braucht man ehrliche Testleser. Wenn sich dann ein Leser etwas ganz anderes vorstellt und dadurch ein Buch nicht gut findet oder nicht versteht, dann muss man da durch. Aber je mehr man schon im Vorfeld ausbügeln kann, desto besser. Niemals sollte der Autor sich allerdings von grundsätzlich für ihn wichtige Dinge abbringen lassen. Der Autor ist immer noch der Boss. Das muss der Testleser verstehen. Wenn er es für sich 100%ig perfekt machen möchte, dann muss er wohl oder übel sein eigenes Buch schreiben.

Fazit
Selbst wenn man die Einwände des Testlesers nicht annimmt, dann hilft die Kritik: Denn man muss sein Werk verteidigen, erklären warum man etwas so geschrieben hat wie es da steht und bekommt gleichzeitig Selbstbewusstsein! Wenn man die Kritik nicht erfolgreich abschmettern kann, dann sollte man jedenfalls noch einmal drüber nachdenken.
Man sollte die richtigen Leute finden, und davon so viele wie möglich. Und man sollte zumindest über alle Kritikpunkte nachdenken, aber trotzdem seine eigene Meinung beibehalten. Wenn die Testleser Beziehungen haben, die später beim Veröffentlichen des Buches helfen können, umso besser!
Grundsätzlich ist es natürlich auch einfach schon, sich endlich über sein Buch sozial austauschen zu können. Denn allein vorm Schreibtisch ist es manchmal wirklich einsam und deprimierend.

Ich hoffe ein Artikel hat euch gefallen und freue mich wie immer über Kommentare, Kritik, Fragen und auch wenn ihr meine Artikel künftig abonniert.