Rezension: Der tote am Gletscher von Lenz Koppelstätter – Ein Regionalkrimi mit Ötzi

Der Inhalt:
In dem Südtirol-Krimi auf dem KiWi-Verlag ermittelt Commissario Grauner mit seinem Kollegen Saltapepe. So recht viel war in letzter Zeit nicht los, aber dann wird im Scharlstal kurz vor Weihnachten plötzlich eine Leiche entdeckt. Skipisten Toni muss bei der Entdeckung fast selbst dran glauben und rennt schreiend ins Dorf. Ganz in der Nähe würde vor einiger Zeit auch die berühmte Steinzeitmumie Ötzi entdeckt. Und der Zusammenhang zwischen den beiden Leichen scheint noch etwas größer zu sein, denn der Tote wurde mit einem Pfeil getötet, der einer von Ötzis Pfeilen gewesen sein könnte. Auch die Lebensweise des Toten wirft Rätsel auf, denn der „Sattler Peppi“ hatte es sich in einer wenig wohnlichen Höhle im Wald als Einsiedler bequem gemacht und hinterließ ein paar merkwürdige Hinweise und eine faszinierende Ex-Frau..

Der Stil, die Aufmachung

Dieser Krimi ist ein Regionalkrimi. Ich finde Regionalkrimis immer toll, wenn die richtige Mischung zwischen Lokalkolorit und Handlung gefunden wird. In dieser Geschichte nimmt das Wort Regional im Begriff Regionalkrimi allerdings einen so großen Raum ein, dass man für die erste Hälfte des Krimis auch „Reiseführer für Südtirol mit einem Hauch bizarren Ötzi-Krimis“ als Bezeichnung etablieren könnte. Einige regionale Schilderungen sind echt interessant, andere nerven mich und nehmen zu viel Raum ein. Bei mehreren Büchern, die ich zuvor rezensiert habe, war die Mischung zwischen Regionalkrimi und spannendem Krimi beispielsweise perfekt: Mainleid, Herzsammler, Beisha -Getötet, Bullet Schach.

Dieser Regionalkrimi ist auch ein Ötzi-Krimi. Ich denke, jeder der sich für den Ötzi-Fund interessiert, muss dieses Buch lesen. Da führt eigentlich gar kein Weg dran vorbei. Es geht in diesem Buch um Ötzi, und zwar nicht mal kurz nebenher. Teilweise spielt die Handlung im Museum, in dem Ötzi liegt. Die aktuelle Leiche auf dem Gletscher hat auch etwas mit der vorherigen Leiche (Ötzi) zu tun. Ich hatte da bis jetzt eher wenig Interesse, aber mal ein bisschen was gehört. Als Ötzi gefunden wurde, war ich ja schließlich noch ein Kind. Daher finde ich es ganz gut, nun mal etwas Wissen zu diesem Thema erworben zu haben.

Der Regional-Ötzi-Krimi ist mit zwei Hauptsträngen interessant kombiniert: Auf der einen Seite gibt’s eine Menge Dorfklatsch und die kleinen zwischenmenschlichen Probleme in der Dorfgemeinschaft. Auf der anderen Seite geht es mit dem Ötzi-Fund und dadurch mit Archäologie und internationalem Kunsthandel dann geschichtlich und international zu. Das finde ich gut gemacht.
Der Krimi ist schon irgendwie klassisch, man lernt eine Menge Personen kennen und muss diese schon irgendwie einordnen. So ein richtiges Miträtseln wie in den klassischen Agatha Christie Krimis oder meiner Neuentdeckung vom letzten Blogeintrag, Mainleid von Anja Mäderer, kommt irgendwie nicht auf, dafür ist das Feld zu weit und die Informationen zu lückenhaft.

Die Geschichte selbst nimmt für mich viel zu langsam Fahrt auf, wohl gerade durch die massigen Nebeninformationen zu regionalen Gegebenheiten. Ich hatte zwischenzeitlich keine große Lust weiterzulesen und habe erst einmal ein anderes Buch begonnen. Das einzige, was den gutmütigen Leser bei der Stange hält, ist der skurrile Mord auf dem Gletscher. Wieso liegt nahe der Ötzi-Fundstelle ein komischer Kauz, der ein Einsiedlerleben im Wald führte, mit einer uralten Pfeilspitze im Nacken im Schnee? Und die Frage, ob es noch besser wird, interessierte mich natürlich auch.

Ein guter Ansatz bei der Geschichte sind die beiden Ermittler Grauner und Saltapepe. Sie sind wirklich so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Der einheimische Kommissar betreibt neben seinem eher eintönigen Job (wenn nicht gerade eine Leiche am Glescher auftaucht) einen Bauenhof und ist mit seinem Landleben sehr zufrieden. Saltapepe hingegen wurde aus Neapel strafversetzt und hat Probleme mit der Sprache, der Langeweile und will eigentlich viel lieber Mafiosi hinter Schloss und Riegel bringen. Die Gegensätze ziehen sich durch die Geschichte, der eine isst um Punkt 12 Uhr Mittag, der andere niemals vor 13 Uhr. Der eine will Knödel mit Haxn, der andere Saltimbocca. Diese Gegensätze sind lustig und bei der Ermittlung auch interessant. Jeder hat Vor- und Nachteile.

Die Nebenfiguren sind auch gut gemacht. Vom Skipisten- Toni bis hin zum unsympathischen Bürgermeister sind die Charaktere alle irgendwie klischeehaft und doch originell dargestellt, ich denke jeder kennt zu den Charakteren in der Geschichte auch jemanden aus seinem Umfeld, der so ähnlich ist.

Was lernen wir daraus?

-Regionalkrimis. Sie sind was tolles, denn wenn eine spannende Geschichte in einem stimmigen Flair spielt, dann macht das Lesen einfach Spaß. Ich lerne auch gern andere Umgebungen, Städte und Länder kennen und bin interessiert an den Eigenarten. Wenn es allerdings zu überladen rüberkommt und der Geschichte nicht dienlich ist, dann schreckt es mich ab. Wenn man in seine Geschichte in einer bestimmten, genau definierten und real existierenden Umgebung schreibt, dann sollte man die richtige Mischung finden und das Ganze auch durchziehen. Wenn in München alle Menschen „Moin“ zur Begrüßung sagen, dann stimmt da was nicht. Letzteres hat dieses Buch erfüllt, es scheint stimmig – aber es ist einfach zu viel. In diesem Sinne: die Mischung machts!

-Ermittlerduos sind schon lange im Trend und werden es wohl noch lange sein. Dieser Krimi hier ist ein gutes Beispiel für eine explosive, aber erfolgreiche Kombination zweier Ermittler. Da steckt Potential drin! So etwas muss man finden, und diese zwei unterschiedlichen Charaktere sollten auch beide auf ihrer Art zur Lösung des Falles beitragen, finde ich.

Fazit

Ich bin mir unsicher, ob ich einen weiteren Fall der beiden Ermittler Grauner/Saltapepe lesen würde. Wahrscheinlich eher nicht. Die Ermittler selbst fand ich toll, der Mordfall war auch nicht schlecht. Aber der bis zur Hälfte des Buches andauernde, sehr schleppende Anfang machte es mir wirklich schwer. An Ende nahm die Geschichte dann Fahrt auf, aber so ein richtiges Lesevergnügen mit nervenzerreißender Spannung, das ist dann doch noch etwas anderes. Für Leser aus dieser Region und solchen, die an Ötzi interessiert sind, ist dieses Buch wahrscheinlich ein 5Sterne Geheimtipp. Ich jedoch vergebe 3 von 5 Sternen für diese Ötzi-Mordgeschichte.

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Ein Gedanke zu “Rezension: Der tote am Gletscher von Lenz Koppelstätter – Ein Regionalkrimi mit Ötzi

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