Geschwafel –ist das Kunst oder kann das weg?

Viele Schriftsteller lieben es, einfache Dinge sehr kunstvoll, ausschmückend und theatralisch zu umschreiben. Ich nicht.

Am Samstag hatte ich endlich mal wieder Zeit, ein Buch zu lesen. Der Stapel der noch zu lesenden Bücher hat mittlerweile bedrückende Ausmaße angenommen, ich entschied mich schnell und fing an zu lesen. Auf Grund einer Reinigungsmaßnahme (Katze hat Flöhe, Fogger in der Wohnung gezündet) zog ich mitsamt Katze, Buch und vielem mehr für einen Tag zu meinen Eltern. Dort also, mit diesem einen Buch, saß ich fest. Schon nach der ersten Seite erwog ich eine Rückkehr in die vernebelte Wohnung, selbst wenn ich dabei draufgehen sollte. Das Buch nenne ich hier lieber nicht, wir wollen ja niemanden bloßstellen.

Der erste Satz: Vor seinen Augen tanzte es feuerrot

Dieser Satz versetzte mich in Alarmbereitschaft, aber der zweite Satz „Er schlug sie noch einmal“ machte ja Hoffnung auf normale Umschreibungen. Auch als die Lunge sich anhörte „wie eine mit Sirup gefüllte Babyrassel“, konnte ich diesen Zustand zwar nicht nachvollziehen, fand es aber noch amüsant.

Dann das: Menschen fragen sich am Ende der ersten Seite, „was aus den Regenfäden werden würde, die an der Fensterscheibe herunterliefen“. Das Umblättern in Richtung Seite 2 fiel mir dadurch recht schwer. Als sich dort auf der nächsten Seite auch noch „zwei der Fäden vereinigten“ und dann tatsächlich sogar einen Regentropfenstrom bildeten, war es mit mir und dem Buch vorbei.

Fazit: Der erste Satz war ja schon ziemlich abgedroschen. Ich habe schon öfter mal in Büchern gelesen, dass etwas vor den Augen tanzt. Vielleicht auch etwas Feuerrotes. Und jedes Mal denke ich: aha, super?! Aber diese abgenutzte Phrase dann noch als ersten Satz zu nehmen, zeugt ja von vollkommender Überzeugung und Zuneigung zu diesem Mist.

Dann auch noch Regenfäden.. Wenn ich einen Krimi oder Thriller lesen will, dann möchte ich so etwas pseudo-romantisches nicht. Ich mag sowas nicht. Ich mag geradlinige Beschreibungen. Gerne auch lustige oder ungewöhnliche Beschreibungen. Sehr gern auch alles zusammen. Aber nicht dieses „ich bin so ein Künstler, ich schwafel herum“ Zeugs.

Meine Anfänge als Krimileser hatte ich nach der Jugendliteratur (TKKG, die drei ?? und so) tatsächlich bei der Queen of Crime, Agatha Christie. Und an dieser Frau, auch wenn sie nicht mehr unter uns weilt und demnach auch keine modernen Krimis mehr produziert, sollte sich jeder ein Beispiel nehmen. Zumindest jeder Autor, der mir gefallen möchte. Ich bin nämlich sicher: es wird tatsächlich eine Menge Leser geben, die auf dieses Geschnörkel stehen.
Die gute Agatha schafft es, mit einfachen Beschreibungen, auch gern von flüchtigen Beobachtungen und Eindrücken, eine Menge zu beschreiben. Sie kann in zwei Sätzen einen Menschen treffend beschreiben. Und auch eine Landschaft oder andere Orte. Bei ihr verbinden sich keine Regenfäden, bei ihr regnet es. Vielleicht regnet es leicht, stark oder Regen prasselt ans Fenster. Oder jemand kommt einfach herein und ist sehr nass. Aber die für die Handlung absolut unwichtigen Regenfäden und deren unaufhaltsame Vereinigung interessieren mich da einfach nicht..

Ich bin sicher dieser Artikel wird die Leserschaft, falls es sie denn überhaupt bis hierhin gibt, teilen. Für viele ist dieses Geschnörkel sicherlich Kunst, und die ist ja nun einmal ganz unglaublich subjektiv. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern noch einmal an die ahnungslose Putzfrau, die in einem Museum in bestem Wissen Dreck unter einem Stuhl wegfeudelte und damit ein unglaublich bedeutendes Kunstobjekt unserer Zeit zerstörte. Sowas passiert ja immer wieder einmal, ich glaube vor Kurzem wurden von einer Putzfrau irgendwo in einem Museum verstreute Kekse eingesammelt, die dann wohl doch Kunst waren.

Ich kann mit solch einem Schnörkel jedenfalls nichts anfangen, und Bücher die schon bis Anfang Seite 2 solch einen Mist enthalten, werden von mir direkt in die Flohmarktkiste gestellt. Oder ich stifte sie der Bücherei.
Sogar James Joyce, welcher mich auf Grund seines seitenlangen Satzbaus auch nicht zu seinen Fans zählen kann (wenn er denn noch dazu in der Lage wäre, der Arme), kann in den Sätzen wenigstens einiges passieren lassen. Während bei dem einen Autor noch immer Regenfäden dabei sind ihre Vereinigung anzustreben, hat Joyce ja in einem Satz schon so viel passieren lassen wie der Autor meines Buches hier in einem Kapitel..
Dieses Buch ist hier jetzt zwar etwas am Pranger (ohne den Titel zu nennen), aber leider kein Einzelfall. Das passierte mir schon oft und kann wirklich auch an mir liegen. Geschwafel ist meiner Meinung nach eventuell Kunst, kann aber definitiv weg.

Wer mag sowas? (keine Angst, ich beiße da dann nicht)
Wer hat weitere Beispiele zu dem Thema kunstvolles Geschnörkel und möchte mich erheitern? (immer her damit)

Bis demnächst,
die Tipperin

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