Der verflixte erste Satz..

Anfangen zu schreiben, das ist nicht so einfach wie gedacht. Man weiß ungefähr, welche Story man zu Papier bringen möchte. Man kennt wahrscheinlich auch schon die Anfangsszene. Aber dann den allerersten Satz tatsächlich zu tippen, ist noch einmal ganz was anderes..

Bedeutungsschwanger sollte der erste Satz sein. Witzig, skurril, bezeichnend. Der Leser soll möglichst direkt mit diesem Satz als Fan gewonnen werden. Aber wie geht das?!
Mein erster Satz, für den ich sehr lange brauchte, an den kann ich mich nicht einmal mehr erinnern. Denn ich habe mittlerweile schon so viel geändert und umgestellt in meinem Buch. Ich glaube, der erste Satz den man schreibt, wenn man mit einem neuen Buch anfängt, der ist niemals der erste Satz im Buch – wenn es dann wirklich druckfertig ist.
Meine erste Szene ist nicht einmal mehr meine erste Szene, jetzt wo ich drüber nachdenke.

Wichtig ist der erste Satz aber auf jeden Fall, finde ich. Es gibt Bücher, in denen ist der erste Satz sterbenslangweilig. Komischerweise gibt es eine Menge Bücher, in denen im ersten Satz zunächst ausschweifend ein Zustand der Natur beschrieben wird. Da wird es für mich immer eher schwierig, überhaupt über diesen Satz hinauszukommen.
Eine über 10 Zeilen reichende Beschreibung der untergehenden Abendsonne führt bei mir zu dem gleichen Phänomen wie im ersten Satz beschrieben: Meine Motivation, das Buch weiterzulesen, geht genau so unter wie die Abendsonne in ebendiesen Zeilen. Nur schneller und weniger dramatisch.

Ich als Leser:
Natürlich lese ich viel und gerne. Ich denke, so ist das wohl bei den meisten Autoren (Möchtegern- Autoren wie mich eingeschlossen. Wenn ich in der Buchhandlung, auf dem Flohmarkt oder heutzutage sogar auf Amazon im Buch stöbere, dann entscheidet oftmals der erste Satz über alles. Nicht alles, aber über alles in Bezug auf mich und das Buch. Finde ich den ersten Satz gut, lese ich den zweiten. Und den dritten… und bin eventuell schon mittendrin im Geschehen. Wenn mich das dann begeistert, dann möchte ich wissen wie es weitergeht. Die erste Seite ist dann auch so etwas wie eine Bewerbung des Buches an den Leser. Man erfährt, ob man den Schreibstiel mag.
Wie schon gesagt: ich lege Bücher weg, die sich mit ausschweifenden Beschreibungen langweiliger Tatsachen beschäftigen. Das halte ich vielleicht auf der ersten Seite mit Mühe aus, über das Buch hinweg wird das aber nichts mit mir und dem Buch. Jeder hat schon einmal einen Sonnenuntergang gesehen. Wenn da schlicht und einfach die Rede von einem Sonnenuntergang ist, wird jeder sich einen Sonnenuntergang vorstellen. Wenn da jede winzige Farbgebung und überhaupt die gesamte Szenerie beschrieben wird, ohne Sinn für den weiteren Verlauf des Buches zu machen – dann geht die Sonne spätestens ab Satz Nummer 3 ohne mich unter.

Ich mag knackige Sätze! Lustige Sätze! Verwirrende Sätze!

Ilsebill salzte nach.Damit gewann Günther Grass 2007 den Wettberweb über den schönsten ersten Satz..

ilsebill salzte nach

Mehr dazu unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Der_sch%C3%B6nste_erste_Satz

Ilsebill salzte nach! Welche lustiger Name, wie bei der Fischer und seine Frau. Was salzt sie nach? Warum? Ist sie mitten im Kochvorgang? Ich finde es witzig und skurril und möchte schon irgendwie wissen, was die gute Ilsebill warum nachsalzt..
Erste Sätze müssen allerdings nicht immer so prägnant und skurril sein, finde ich. Eine gute, knackige Beschreibung des ersten Schauplatzes, die einen direkt an den Ort des Geschehens katapultiert, tut es für mich auch.

Ich habe mal spontan ein paar meiner Bücher in der ersten Reihe des Regals( es quillt über, akuter Platzmangel!) durchgeschaut.

Hier 5 wahllose Beispiele:

-Samuel Beckett; Warten auf Godot: Landstraße. Ein Baum. Abend.

Das finde ich gut, obwohl es nur die Beschreibung des ersten Aktes ist.

-Val Mcdermid; Echo einer Winternacht: Er war im Morgengrauen immer gern auf dem Friedhof gewesen.

Freak! Was ist das denn für einer? Was macht er da? Ich würde auf jeden Fall weiterlesen!


-Agatha Christie, Die Schattenhand:
Als ich den Gips endlich los war und die Ärzte mich nach allen Regeln der Kunst zurechtgebogen hatten und ich unter gutem Zureden der Schwestern zaghaft begann, meine Gliedmaßen wieder zu gebrauchen, und die Babysprache, mit der sie mich traktierten, mir gründlich zum Hals heraushing, verordnete Marcus Kent mir eine Dosis Landleben.

Hier hätte ich meinem großen Vorbild schon irgendwie einen knackigeren Satz zugetraut, dachte ich im ersten Moment. Im zweiten Moment viel mir auf, das in dem ersten Satz schon eine Menge Informationen auf den neuen Leser zukommen. Ich –Erzähler, hatte längere Krankheit, hat keine Lust mehr auf Krankenschwestern, Markus Kent (wird der noch wichtig??) schickt den Patienten aufs Land. Man hat also die Vorgeschichte, den Grund für den Aufenthalt auf dem Land und schon 2 Personen kennengelernt. Der Satz ist mir zu lang, aber irgendwie hat das doch tatsächlich was..

-Silvia Roth; Blut von deinem Blute: Ich war neunzehn, als mein Vater mit eingeschlagenem Schädel auf dem Küchenboden gefunden wurde.

Jawohl, wenn das nicht mal ein anschaulicher, blutiger erster Satz ist.. mehr muss man dazu wohl nicht sagen.

-Elizabeth Becka; Verletzt: Der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln hing noch in der Luft, obwohl der Umzug und die Kirmes längst vorbei und die Besucher nach Hause gegangen waren.
Dieser Satz ist nicht spektakulär, aber die Gerüche versetzten mich direkt an einen bestimmten Ort – und auf der Kirmes möchte man doch immer gern sein. Auch wenn sie hier im Buch schon längst vorbei ist..

Ich als (Möchtegern-) Autor:
Wie zur Hölle bekomme ich diesen ersten Satz hin? Mein erster Satz hat sich schon mehrmals komplett gewandelt und der momentane Favorit wurde auch schon des Öfteren geändert. Dieser Druck auf dem ersten Satz.

Im Moment ist das hier mein erster Satz:

Lara stopfte sich ungehemmt 449 Kalorien und 22,8 Gramm Fett in den Mund, ohne sich für diese Zahlen zu interessieren.
Und, wie gefällt er euch? 100%ig überzeugt bin ich noch nicht, aber ich hoffe der Satz wirft zumindest Fragen auf. Was isst sie? Ist sie fett?

->Änderungswünsche, Anregungen und bessere Ideen bitte auf jeden Fall an mich! Da wäre ich sehr dankbar!
Im nächsten Artikel geht’s um wörtliche Rede. Da sollte man sich nämlich auch informiert haben, bevor man anfängt zu schreiben..

Mein Fazit: Lasst euch vom ersten Satz nicht unter Druck setzen, er wird noch oft geändert. Einfach losschreiben, darum kann man sich später kümmern. Irgendwann kommt einem schon eine gute Idee! Für mich sollte er knackig, witzig und/oder skurill sein oder einfach Fragen aufwerfen. Bei gähnend langweiligen Beschreibungen von unwichtigen Sachverhalten lege ich das Buch allerdings zurück!

Eure Tipperin!

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4 Gedanken zu “Der verflixte erste Satz..

  1. … Kalorien im ersten Satz finde ich überhaupt nicht optimal, da denke ich doch an einen Frauen-und-ich-eß-zuviel-Roman …
    Zahlen mag ich nicht wirklich in solch textlicher Verbindung und als Auftakt …
    hm … :):):)

    naja, ist meine Meinung und Du hast ja gefragt …

    liebe Grüsse
    Karen

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  2. Haha, keine Panik, ich finde Kritik gut und hilfreich. So hatte ich es noch garnicht gesehen! ich muss aber dazu sagen, dass gleich im zweiten satz deutlich wird das es der bis dato schlimmste tag in ihrem leben werden würde. aber ich werde nochmal überlegen, ob ich davor nicht noch was ohne zahlen setze 😉 danke!!

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  3. Also ich mag Deinen ersten Satz. Ich kann die nicht leiden, wenn die so endlos lang sind, und mein Hirn immer Atmen will zwischendrin.
    Aber das mit den Kalorien ( Ich spreche das immer mit i-e aus.), das find ich schon witzig. Nur, warum sollte sich Lara darüber Gedanken machen?
    Aber die Idee ist echt genial.
    Lara und ihre Mutter treffen sich zum Kaffee. Lara gießt ich so-und-so-viele Kalorien in den Kaffee, damit er eine schöne hellbraune Farbe bekommt….Witzig wäre das schon, aber auf 300 Seiten nervig.
    Mir ist nicht klar, wohin dieser erste Satz führen soll. Wenn Lara zu dick ist und frustfrißt, dann wäre ziemlich bald Schluß mit dem Buch bei mir. Ich bin da eher für die klassischen Dramen zu haben. Wenn Lara jedoch eine wäre, die sich weder Wurst noch Butter vom Brot nehmen lässt…dann wäre das schon klasse. Also: Who is Lara? Insofern hat der Satz doch schon Wirkung erzielt.

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  4. Ja, WHO IS LARA triffts. Auf der ersten Seite ist sie eine gutgelaunte Angestellte, die ihren Kuchen geniesst. Aber es wird sofort klar, dass dieser Zustand nicht lange anhalten wird: der schlimmste Tag ihres Lebens steht ihr bevor. Und sonst gibts nie wieder was mit Kalorien im ganzen Buch. Es geht nur darum das sie gerade den Moment geniesst, aber nicht mehr lange 🙂

    Danke für die Blumen – ich hasse diese ewig langen Sätze auch. Aber das haste ja in meinem Artikel wahrscheinlich schon gelesen …

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