Ein Buch schreiben – Charaktere erschaffen, Personen erfinden, Inspiration.

Heute, hier und jetzt geht es um Personen. Wer ein Buch schreiben möchte, sollte natürlich schon halbwegs wissen, worum es denn bei der Story gehen wird. Von der Themenfindung handelte ja schon mein letzter Artikel. Eine Geschichte lebt für mich von den Charakteren, ihrem Zusammenspiel und ihren Verhaltensweisen. Das Verhalten der einzelnen Personen, sei es Haupt- und Nebenperson, sollte Sinn machen. Sie sollten zur Story passen und die Story vorantreiben. Der Leser sollte eine Beziehung aufbauen können. In meinem Fall, ich schreibe einen Krimi, brauchte ich mehrere Verdächtige die nach und nach entweder sterben oder ein Alibi aufweisen- oder von der Liste der Verdächtigen gestrichen werden können.

Charaktere erschaffen

Verschiedene Bücher, verschiedene Anforderungen?

Natürlich gibt es verschiedene Anforderungen und Schwierigkeiten, die sich aus der geplanten Story ergeben. Schreibt jemand eine Biographie, braucht er nicht großartig Personen erfinden. Er hat die Geschichten erlebt, die Charaktere gab es wirklich. Natürlich muss in diesem Fall auch in der Würze der Kürze der Charakter einer Person gut skizziert werden, wenn es für die Erzählung der Geschichte wichtig ist.
Schreibt jemand eine Liebesgeschichte, geht es natürlich in erster Linie um das Liebespaar. Dieses Paar sollte natürlich genau beschrieben werden und die Charaktere sollten mit der Story zusammen das Buch ausmachen. Auch Nebenfiguren können natürlich wichtig sein.
Krimis. Kommen wir nun zu der Kategorie, in die mein Buch fallen wird. Ich wollte einen Krimi im Sinne von Agatha Christie erschaffen. Diese sammelt bekanntermaßen mehrere Verdächtige in einem relativ abgegrenzten Raum und lässt einen nach dem anderen unfreiwillig das Zeitliche segnen. Hier braucht man natürlich recht viele Charaktere die alle so ihre Eigenarten haben. An diesem Beispiel werde ich ein paar Punkte aufzeigen, die ich sehr wichtig finde.

Viele Personen, wenig Gedächtnis.

Ich finde es in vielen Büchern sehr schwierig, die anfangs vorgestellten Personen alle im Gedächtnis präsent zu haben. Bei Frau Christie läuft das aber sehr gut. Denn für sie scheint es ein leichtes zu sein, viele Personen vorzustellen ohne den Leser zu überfordern. Sie versieht meist jede Person mit einem unverwechselbaren Detail und stellt jeden knapp vor, wenn es für die Geschichte erforderlich ist.
Wohnt ihr Detektiv beispielsweise einer vornehmen Abendgesellschaft bei, werden mehrere Personen direkt beim Betreten des Raumes beschrieben. Sei es der schrullige Herr mit dem Kneifer, die überragend aussehende Frau mit den ungebändigten Locken im knallroten Abendkleid oder die hysterische Hausherrin, welche direkt mehrere Butler wild durch die Gegend scheucht. Manche werden nur kurz anhand der Sitzordnung vorgestellt, andere machen direkt auf sich aufmerksam. Im weiteren Verlauf der Geschichte kann man sich die zehnköpfige Abendgesellschaft dann mehr und mehr vorstellen, die Personen einordnen und Charakterzüge ausmachen.
In meinem speziellen Fall musste ich direkt ein gesamtes Basketballteam beschreiben. Hier bin ich immer noch nicht vollkommen zufrieden, denn ich bin immer noch der Meinung mein Leser wird irgendwie überfordert sein von so vielen Leuten. Aber wie das Leben so spielt, kann ein Basketballteam nun einmal nicht aus nur drei Leuten bestehen und ich muss weiter an diesem Punkt feilen.

Charaktere finden

Jeder Autor, der behauptet alle Personen in seinem Buch seien komplett frei erfunden, der lügt meiner Ansicht nach. Natürlich schreibt das Leben gute Geschichten. Man trifft Personen, man erkennt Charakterzüge und man ordnet sie sich selbst in ein bestimmtes Schema ein. Man lernt verschiedene Eigenschaften an Leuten kennen, die man verwenden kann. Ich selbst habe für meine fiktive Mannschaft voller Verdächtiger (und auch Leichen, später..) aus meinem gedanklichen Fundus geschöpft. Natürlich sind mir in meinen Jahren in meinem Job ganz unglaubliche Charaktere über den Weg gelaufen. Ich weiß ungefähr, was einen „typischen“ Basketballspieler ausmacht. Und von dieser Vorstellung gibt es natürlich so ungewöhnliche Abweichungen, dass es interessant wird. Ich habe mich an meine Charaktere deshalb so herangewagt:
Ich habe mich an bestimmte Personen erinnert, einfach nur auf Grund ihrer auffälligsten Eigenschaften. Der eine Spieler redet gern davon wie reich und wichtig er ist, ist es aber eigentlich nicht. Der andere sieht wahnsinnig gefährlich aus mit seinen 2,10m und Schultern von der Breite eines Frauenparkplatzes, liest aber einfach gern ein Buch in seinem Lieblingssessel am Fenster..
Zunächst habe ich also ein paar Charaktere zusammengestellt und dann auch wieder ein bisschen aussortiert. Dann kann man natürlich auch mehrere Personen zusammenfassen, die Charaktereigenschaften besser auf die Story zuschneiden usw.
Für mich war es wichtig, dass es unterschiedliche Charaktere gibt, die aber nicht alle etwas Besonderes oder dramatisches an sich haben. Denn das ist nicht die Realität. Es gibt spezielle Personen, die bleiben einem lange und ausgiebig im Gedächtnis. Es gibt andere Personen, graue Mäuse sozusagen, da fragt man sich schon ein Jahr später: „wie hieß der noch?“

Namen sind nicht Schall und Rauch.

Natürlich brauchen die handelnden Personen auch Namen. Dieser Punkt war schwieriger als gedacht. Mein Plan war ursprünglich, die Liste durchzugehen und einfach Namen auf die Kurzbeschreibungen zu packen. Aber irgendwie saß ich da wie der berühmte Ox vorm Berg. Einen Afroamerikaner aus schwierigen Verhältnissen findet man selten mit Namen wie beispielsweise William oder Scott. Eine Person russischer Abstammung heißt eher Igor als Heinz Peter. Eine junge Frau wird wohl eher den Namen Lara tragen als beispielsweise den Namen Waltraud. Es sollte also einigermaßen passen.
Meine Vorgehensweise war recht einfach: Google. Einfach mal ein paar Suchbegriffe wie Männernamen oder Frauennamen eingeben und durch die Gegend klicken. Oder in speziellen Fällen dann halt so etwas wie „häufige Namen in Russland“ oder ähnliches. Ich habe tatsächlich jedes Mal genau gewusst: Der Name ist es!! Denn man hat eine Vorstellung von seinem Charakter erschaffen, und dann sieht man einen Namen und es passt einfach. Hier ist aber viel Subjektivität dabei, denn jeder verbindet mit Namen besondere Personen. Wenn meine liebenswerte Hauptperson nun beispielsweise den gleichen Namen hätte wie die kleine B**ch aus der Grundschule die gerne ihre Mitschüler verprügelt und in Mülltonnen gesteckt hat, dann würde ich mich sicherlich nicht so wohl beim Schreiben fühlen. Andererseits könnte ich wohl schlecht rechtfertigen, wenn ich den Namen meines Freundes im realen Leben im Buch für die Person des Massenmörders missbrauchen würde.. das könnte unangenehme Folgen auf die Beziehung haben.

Der Chantalisator

Es gibt ja auch sicherlich eigene Erfahrungen, die man mit Namen verbindet. Oder den die Gesellschaft mit einem Namen verbindet. Chantal und Kevin zum Beispiel scheinen heutzutage vermehrt als.. wie drücke ich mich nun diplomatisch aus?.. Unterschichtsnamen bekannt zu sein. Falls ihr nun solch dramatische Namen erfinden wollt, empfehle ich übrigens den „Chantalisator“ für eure Arbeit. (http://www.chantalisator.de) Dieser macht beispielsweise aus dem Namen Marie Fuchs (das ist eine der Personen aus meinem Buch) den exzentrischen Namen „Maribel- Unity Fuchs“ und zeigt direkt den dramatischen Geschmack der fiktiven Mutter. Ich habe den Chantalisator nicht benutzt, fand die Kreativität der exzentrischen Namen aber nicht schlecht. Falls ihr mal einen furchtbar übertriebenen Namen braucht, ist das Ding nicht schlecht.

Der flippige Chart

Anfangs sollte man auf jeden Fall seine Ideen logisch zusammenfassen. Ich habe also erst einmal eine Liste mit den Personen geschrieben, um die passenden Namen zu finden. Hier habe ich tatsächlich als anfängliche Figur den Namen der realen Inspiration aufgeschrieben, um schnell etwas griffiges vor Augen zu haben. Dann bekamen die Namen langsam „Charakter“. Charakter ist in diesem Fall einfach alles, was mir mal so einfiel. Es fängt an bei besonderen Eigenschaften, Aussehen, Vergangenheit, mögliche Aussagen oder auch Situationen aus dem realen Leben die man bei der Person unterbringen könnte. So steht bei einer Person einfach nur „wie die 3 Affen“ oder bei einer anderen Person ein Herz und der Name des möglichen Liebhabers. Bei der nächsten Person steht eine Aussage, die die Person im Buch mal machen soll (habe ich bis heute noch nicht angewendet, aber wenns nicht passt dann muss es ja auch nicht..). Dieser Prozess ging nicht von heute auf morgen, sondern tatsächlich im Vorbeigehen. Denn ich habe meine Zettel mit den Personen und viel Platz drunter an die Tür zum Arbeitszimmer gehängt. Wann immer ich eine Idee hatte drehte ich mich entweder mit dem Schreibtischstuhl zur Tür oder ich schrieb im Vorbeigehen etwas an die Zettel. Hierfür hing tatsächlich ein Kuli immer griffbereit an der Tür. Funktionalität stand für mich eindeutig vor Schönheit, denn hübsch ist mein Gebilde keinesfalls. Aber man kann sich austoben, streichen und Ideen spontan notieren, ohne einen PC anzumachen oder ein Notizbuch aufzublättern. Ein Notizbuch habe ich für mein Buch auch, aber dazu im nächsten Artikel!

Der Charakterbogen

Eine weitere interessante Idee, die ich auf http://www.schriftsteller-werden.de/charakterentwicklung gefunden habe, ist der Charakterbogen. Für mich war es mit dieser Methode schon zu spät, für meine Hauptpersonen habe ich den Test allerdings mal gemacht.
Der Charakterbogen ist wie ein Fragebogen, den Jacqueline Vellguth entwickelt hat. Ganze drei Seiten bringen einen dazu, seine Person nach dem ausfüllen besser zu kennen. Es geht von den Themen „Der erste Eindruck“, „Auftreten“, „Motivation“ über detaillierte Körpermaße und Fähigkeiten bis hin zu Familienmitgliedern und mündet in einem kleinen Lebenslauf.
Hätte ich diese Idee mal vor dem schreiben gehabt..! Denn sie ist wirklich gut. Man kann im Laufe des Schreibens ändern, hinzufügen und auch einfach einmal nachschauen. Weiß ich nach 91.000 Wörtern noch, wie ich die Mutter der Hauptperson in Kapitel 1 beiläufig genannt habe? Die Chancen stehen schlecht.. Wenn man solche Sachen direkt in den Charakterbogen einträgt und für jede Person einen Bogen in einer Mappe sammelt, kann man allerdings sehr fix nachschauen.
Den Charakterbogen kann man dann auch noch individuell erweitern. Bei meiner Basketballmannschaft wäre das dann zum Beispiel die Position in der Mannschaft und auf dem Spielfeld. Mein Charakterbogen hätte sicherlich überall Ideen und kleine Bildchen am Rand. Schaue auf jeden Fall mal auf der Seite, dort ist es sehr interessant!

Motivation, Ziele, Konflikte, Veränderung.

Wichtig ist für mich, die Charaktere für und durch die Story glaubwürdig zu machen. Hierbei sollte jede Person in der Szene eine Motivation für die Handlung haben. Ein Gespräch von zwei Personen kann langweilig sein, wenn man sie einfach sprechen lässt. Man muss dabei beachten, wie das Gespräch in die Story passt und wie die Story dadurch weiterkommt. Dafür sind die Motivationen der einzelnen Personen, welche nicht immer durchsichtig sein müssen, wichtig. Dadurch entstehen hoffentlich auch Konflikte.
Ein Beispiel: In einer Szene in meinem Buch wollen die Personen A und B unbedingt in die Wohnung von Person C. Person A muss unbedingt darein, denn A will die für ihn wichtigste Person auf der ganzen Welt retten. Person B hilft ihm dabei, ist also auch sehr stark dran interessiert einen Fortschritt zu erzielen, aber nicht so stark wie Person A. Person C beherbergt in seiner Wohnung zwei ungewöhnliche Hobbys, die Person A und B auf keinen Fall sehen sollen. Das interessiert besonders Person A herzlich wenig, Person B ist schon ein wenig interessiert an den privaten Abgründen. Person C macht sich dadurch allerdings zunächst einmal sehr verdächtig, dass er den Zutritt zu seiner Wohnung verweigert, verweigert den Zutritt ja aber nur auf Grund von Lapalien im Vergleich zur eigentlichen Gefahrensituation..
Das sind die Hintergründe der Szene grob dargestellt, und dadurch entsteht ein Konflikt und auch Spannung für den Leser. Der Leser denkt natürlich auch das Person C etwas zu verbergen hat. Person C hat natürlich tatsächlich etwas zu verbergen, aber besonders Person A ist das völlig egal, weil es im Vergleich zum akuten Problem einfach unwichtig ist. Wenn man diese kleinen Hintergründe nicht aufzeigt, die man natürlich vorher schon entwickelt hat und in der Szene dann nochmal direkt ausspielt, dann kann eine Szene sehr langweilig sein:
Person A und B wollen in die Wohnung von C. C will sie nicht reinlassen.
Na super. Bei dieser Beschreibung der Situation werfen sich entweder sehr viele Fragen auf oder der Leser überliest das ganze eher ungerührt.

Veränderung.

Charaktere geraten in Situationen. Im wahren Leben passiert das meist aus einem plausiblen Grund, im Buch muss man diesen Grund erst einmal erschaffen. Ich möchte das meine Hauptperson, eine nette junge Frau, in einen Krimi verwickelt wird. Das passiert im realen Leben nicht vielen Leuten. Gut, da ist sie nun mittendrin, Menschen sterben auf einmal.
Ich sage nicht, dass sich im Laufe eines Buches, besonders in einem Krimi, jeder irgendwie verändern sollte. Aber Personen geraten in neue, gefährliche Situationen. Und das meistert jeder, genau wie im realen Leben, anders. Das Beispiel der netten Frau in meiner Geschichte:
Nie zuvor war sie in einer so gefährlichen Situation, jeder um sie herum ist potentiell ein Killer. Wie verändert sie sich dadurch? Ist sie immer noch nett zu allen Verdächtigen? Igelt sie sich komplett ein? Rennt sie weg? Rennt sie dem Killer hinterher? Wächst sie über sich hinaus?
Es wäre gähnend langweilig und wenig tiefgründig, wenn die unglaubliche nette junge Frau einfach in der Extremsituation noch genauso naiv und nett ist wie davor. Man sollte schon ein bisschen Angst haben und die Mitmenschen genauer unter die Lupe nehmen..

Fazit

Ich weiß nicht, ob ich euch jetzt nur Dinge erzählt habe die ihr eh schon wusstet. Natürlich weiß man das alles irgendwie schon, man hat ja selbst schon unzählige Bücher gelesen bevor man selbst eines schreibt (in den meisten Fällen). Mir ist nur wichtig euch zu sagen, dass eure Personen schon ein wenig durchdacht werden sollen. Wie genau ihr das macht, also welche Methode ihr anwendet und wie ihr das umsetzt, ist natürlich euer Problem. Ich hasse es jedenfalls, Bücher zu lesen in denen die (Haupt-)Personen austauschbar sind und keinerlei Charakter haben. Davon gibt es überraschend viele. Meine bevorzugte Vorgehensweise ist eindeutig die vorherige Planung der Charaktere (z.B. mit Flipchart, Charakterbogen etc.) im Zusammenspiel mit Flexibilität. Wenn man am Ende des Buches noch eine Person einbauen oder verändern möchte, damit die Geschichte schlüssiger ist… WARUM DENN NICHT? Schreibt man ein Buch, ist man der Schöpfer einer Geschichte. Damit geht sehr viel Freiheit, gleichzeitig allerdings genau so viel Verpflichtung dem Leser gegenüber einher.

Im nächsten Artikel geht es darum, wie man mit einem Schreib-Notizbuch viel Arbeit spart. Ich verbleibe bis dahin fröhlich und mit einem Zitat:
;“ />Zitat Wolf Schneider Schreiben

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